Klimaneutralität 2045: Magdeburg verschiebt die Ziele – aber wo ist der Fahrplan?

Magdeburg, 01.06.2026

Ressourcenschonendes Leben im Alltag: Die Vitopia-Gemeinschaft probiert es aus
Bei Vitopia leben gemeinschaftlich siebzehn Menschen in Magdeburg. Sie organisieren ihren Alltag zusammen und versuchen dabei mit möglichst wenig Verbrauch an Ressourcen auszukommen. Um ihren Klima-Fußabdruck quantifizieren zu können wurden Berechnungen für die Bedarfsbereiche Wohnen, Essen, Mobilität und Konsum für die Vitopia-Gemeinschaft durchgeführt. Darüber hinaus gibt es noch Betrachtungen für den Bereich Mobilität und Berechnungen der Abfallbilanz der Gemeinschaft. Die Bilanzen, die dabei erstellt wurden, bekamen mehrere Auszeichnungen u.a. mit dem Umweltpreis der Stadt Magdeburg, dem Landesumweltpreis und einen Sonderpreis einer wissenschaftlichen Tagung für Siedlungsabfallwirtschaft in Magdeburg. Ein Vertreter der Vitopia Genossenschaft ist auch in den Klimabeirat der Stadt Magdeburg berufen. Die über einhundert Mitglieder der Vitopia Genossenschaft begleiten das Vorhaben, einzelne bezeichnen Vitopia als Real-Labor für ressourcenschonendes Leben.

Kommunale Energie- und CO2- Bilanz: Wenig Bewegung ersichtlich
Die letzte aktuelle kommunale CO2-Bilanz der Stadt Magdeburg umfasst den Zeitraum von 2012 bis zum letzten Auswertungsjahr 2019. Es ist der städtischen Bilanz zu entnehmen, dass seit 2014 keine Verringerung der Energieverbräuche in Magdeburg stattfand. In der CO2-Bilanz gab es eine leichte Verringerung der CO2-Emissionen in der Stadt in diesem Zeitraum, der Grund dafür ist allerdings der überregionale Rückgang der durchschnittlichen CO2-Emissionen bei der Stromproduktion im gesamten Bundesgebiet Deutschlands.
Im Magdeburger Stadtrat wurde Anfang Mai beschlossen, das Zieljahr für die CO2-Neutralität der Stadt um 10 Jahre nach hinten zu verlegen, auf das Jahr 2045. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass Klimaschutzmaßnahmen den städtischen Haushalt nicht zusätzlich belasten dürfen.

Aufschub ohne Fahrplan
Vor dem Hintergrund, dass auf kommunaler Ebene in Magdeburg von 2014 bis 2019 fast keine messbaren Fortschritte im Klimaschutz erzielt wurden und dass es zu dem Zeitraum ab 2019 keine aktuellen Daten gibt, verwundert dieser Beschluss. Finden auch in den nächsten fünf Jahren weiterhin keine relevanten Klimaschutzmaßnahmen statt, dann sind ab dem Jahr 2030 sehr umfassende und überaus ambitionierte Handlungsschritte notwendig.
Sollte es so sein, dass jetzt aktuell die Verlegung des Ziels der CO2-Neutralität stattfand weil es unrealistisch erschien, dieses Ziel bis 2035 zu erreichen, dann wäre es jetzt an der Zeit einen klaren Fahrplan zu haben, um auf das jetzt neu gesetzte Ziel 2045 planvoll zuzusteuern. Der aktuelle Beschluss des Stadtrats von Anfang Mai 2026 zum Zieljahr zur Erreichung der Klimaneutralität (ratsinfo.magdeburg.de Protokoll der Stadtratssitzung vom 05.05.2026 – TO 6.12.2 ) deutet aber eher darauf hin, dass für den Klimaschutz in Magdeburg eine große Pause anstehen könnte. Darauf weist auch die Tatsache hin, dass der Stadtrat einem Änderungsantrag zustimmte bei dem ein Satzteil aus dem Antrag gestrichen wurde: Klimaschutzmaßnahmen sind weiterhin wichtig und werden […] umgesetzt […] ohne zusätzliche Belastungen des städtischen Haushalts.

Klimaschutz könnte zu spät stattfinden: Das Kredit-Dilemma
Übersetzt man das politische Vorgehen in den persönlichen Alltag, gleicht es einem großen Schuldenszenario: Man hat einen großen Kredit aufgenommen, den man aktuell nicht zurückzahlen kann. Statt feste Raten zu vereinbaren, verschiebt man die Rückzahlung einfach weit in die Zukunft. Gleichzeitig wird jedoch kein Plan erstellt, wie das Geld später aufgebracht werden soll. Darüber hinaus wird der Vorsatz „die Rückzahlung des Kredits ist weiterhin wichtig“ von der persönlichen To-do-Liste gestrichen. Währenddessen wachsen die Schulden durch Zins und Zinseszins unaufhaltsam weiter, während die zukünftige Zinsentwicklung völlig unvorhersehbar bleibt. Wie wahrscheinlich ist es unter diesen Voraussetzungen, dass die Rückzahlung des Kredits gelingen wird?

Klimaschutz lohnt sich, sollte klar geregelt und gemeinsam angepackt werden
Aktuelle Studien zeigen, dass sich Investitionen in Klimaschutz lohnen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Studie zum vorsorgenden Klimaschutz errechnet, dass pro investiertem Euro in den Bereich Klimaschutz ein volkswirtschaftlicher Nutzen von ca. 2 bis 5 Euro entsteht. Das Ministerium für Wissenschaft und Umwelt in Sachsen-Anhalt stellt fest, dass der Klimawandel sehr reale Auswirkungen im Land haben könnte mit einer sehr hohen Anzahl an extrem heißen Tagen. Gleichzeitig hat das Land Sachsen-Anhalt bisher noch kein Klimaschutzgesetz verabschiedet.
Im Protokoll der Ratssitzung des Magdeburger Stadtrats von Anfang Mai 2026 ist auch zu lesen, dass das Klima in Magdeburg nicht das Weltklima verändern wird. Wo aber soll Klimaschutz beginnen, wenn nicht in Städten und Gemeinden, dort wo die BürgerInnen wohnen, leben und arbeiten – natürlich nicht nur in Magdeburg sondern in allen Städten und Gemeinden. Darüber hinaus sind natürlich auch die richtigen Weichenstellungen bei Land und Bund wichtig und auch die der anderen Länder weltweit, denn Klimaschutz ist nicht allein ein nationales Problem, denn Klimaschutz kann nur gemeinsam gelingen.

Klimaschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe
Auf der alltäglichen Ebene ist klimafreundliches Handeln für Menschen in Deutschland dann möglich wenn verlässliche Bahnverbindungen auch in der Fläche bestehen und Schienen nicht abgebaut werden sondern stillgelegte Strecken wieder reaktiviert werden, wenn eine Fahrradinfrastruktur besteht wo Räder sicher abgestellt werden können. Wenn auch Kinder sicher radfahren können auf ihren alltäglichen Wegen zur Schule oder zu Hobbys, Verbindungen mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung stehen und E-Autos auch vor Mietwohnungen geladen werden können. Wenn es (Miet-)Wohnraum gibt der einen guten energetischen Standard hat und darüber hinaus auch erneuerbare Energien für die Industrie bereitstehen und auch die Verwaltung klimaneutral wird. Das alles ist notwendig damit Klimaschutz gemeinsam und dauerhaft gelingen kann., dazu bedarf es als Grundvoraussetzung auch auf kommunaler Ebene wegweisender Entscheidungen und klarer Fahrpläne zur Klimaneutralität.

In der aktuellen Energie- und CO2-Bilanz der Stadt Magdeburg von 2021 steht eine Tabelle (Tab. 1) mit Maßnahmen, die seitdem begonnen sein müssten, um CO2-Neutralität 2035 zu erreichen. Wenn auch in den nächsten fünf Jahren wenig passiert im Bereich Klimaschutz in der Stadt Magdeburg, dann kann genau diese Maßnahmentabelle wieder genutzt werden. Wahrscheinlich muss dann noch eine Anpassung aufgrund des zwischenzeitlich fortschreitenden Klimawandels getroffen werden und es sind dann in einigen Bereichen noch umfassendere Handlungsschritte notwendig. Die Maßnahmen, die in dieser Tabelle stehen, erfordern extrem ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen u.a. zu Sanierungsraten in der Gebäudedämmung und zum Anteil von Elektroautos an den PKW‘s. Es sollte geprüft werden ob dies mit dem vom Magdeburger Klimabeirat vorgeschlagenen und als umsetzbar betrachteten teilaktualisierten Maßnahmenkatalog zum Klimaschutz in Magdeburg vom Herbst 2025 gelingen könnte. Fest steht, dass, wenn wir weiter warten, die dann zu erledigenden Aufgaben anwachsen – was die Umsetzung schwieriger und aufwändiger macht.

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